Was man nicht alles suchen kann: Brille, Schlüsselbund und Sinn des Lebens sucht man fast täglich oder zumindest mehrmals in der Woche. Den Weg nach Hause sucht man, wenn man in der Lieblingskneipe zu tief ins Glas geschaut hat und das Haar in der Suppe sucht man meistens dann, wenn man eigentlich neidlos anerkennen müsste, dass man selbst solch schmackhafte Suppe gar nicht hinbekommen hätte.
Neuerdings scheint man – so höre ich immer wieder – nach etwas ganz Besonderem zu suchen: nach einem Narrativ! Sollten Sie jetzt insgeheim „Hä?“ gedacht oder gesagt haben, dann müssen Sie sich nicht schämen; ging mir bis vor kurzem noch genauso.
Da ich noch einen gedruckten (!) und in Leinen gebundenen (!) Duden (das ist kein Fremdwort, sondern der Eigenname für den Katalog der deutschen Rechtschreibung) aus 1968 (!) besitze, habe ich als erstes dort nachgeschaut.
Irgendwo zwischen Narkose und nasal hätte es ja stehen müssen, wenn man das Wort 1968 schon für Wert befunden hätte, in die deutsche Rechtschreibung aufgenommen zu werden. Stand aber nicht da.
Gut, wir leben nicht mehr in 1968, also lenken wir den Blick in Richtung Neuland – ins Internet. Bei Wikipedia kann man als erstes erfahren, dass Narrativ sowohl in der Grammatik (Kasus oder Modus) als auch in den Sozialwissenschaften mit Inhalten besetzt ist. In den Sozialwissenschaften bezeichnet es ein sinnstiftendes Erzählmotiv, das in einem Kulturkreis oder einer gesellschaftlichen Gruppe Orientierung vermittelt. Wenn man es also weiß, ist es gar nicht mehr so schlimm. Soweit, so gut, aber täten es nicht auch Begriffe wie Geschichte oder Erzählung?
Wenn wir nämlich die breite Masse der Bevölkerung mit unseren Ideen zum Thema Kulturhauptstadt ansprechen wollen, sollten wir doch wohl eher fesselnde Geschichten als Narrative suchen.
Sonst narratieren wir irgendwann in unserem Elfenbeinturm einsam vor uns hin…

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