Früher fotografierte man analog. Man legte einen Film in einen Fotoapparat, möglichst so, dass er nicht schon beim Einlegen belichtet wurde, dann schloss man sorgfältig die hintere Abdeckung der Kamera, spulte mechanisch zwei oder drei Bilder nach vorn, stellte die Lichtempfindlichkeit des eingelegten Films ein und konnte auf Motivsuche gehen. Fotografieren war etwas durchaus Spannendes. Die Spannung ergab sich aus der Tatsache, dass der eigentliche Akt des Fotografierens zeitlich gefühlt unendlich lange getrennt war von dem Zeitpunkt der Betrachtung des Ergebnisses. Das hing damit zusammen, dass es keine Möglichkeit gab, einfach mal schnell zu schauen, welches Ergebnis der Schnappschuss von eben wohl gezeitigt haben mochte. Sechsunddreißig Bilder mussten „verschossen“ werden und dann würde der Film zum Entwickeln und Abziehen gebracht und dann fand man in der ORWO-Tüte, die man nach zehn oder zwölf Tagen in der Drogerie wieder abholte, das Ergebnis; mal mehr, mal weniger wertvoll.
Viele künstlerisch tätige Fotografen haben auch zu Zeiten, in denen sich der Farbfilm längst durchgesetzt hatte, weiter in schwarz-weiß fotografiert. Denn Bilder in schwarz-weiß haben durchaus etwas Besonderes; keine Farbe lenkt ab, die Konturen sind oft prägnanter und der Bildinhalt wird plakativer. Aber natürlich mussten auch Profis viele hundert Bilder schießen, um einen richtigen Volltreffer zu landen. Ich glaube, mich an eine Ausstellung erinnern zu können, die nicht die Top-Motive, sondern die eher misslungenen Bilder zum Inhalt hatte.
Warum ich das sage? Vor kurzem war ich wieder einmal zu einem Tagesausflug in einer Stadt. Ich hatte keinen rechten Plan sondern ließ mich einfach treiben: mal hier, mal da… Natürlich schoss ich mit meinem Handy das eine oder andere Foto. Irgendwie musste ich unaufmerksam gewesen sein, denn ich hatte wahrscheinlich die Kamera-App nicht wieder ordentlich beendet und war darüber hinaus auch noch unbeabsichtigt immer mal wieder auf den Auslöser gekommen. Kein Problem, dachte ich, denn die missglückten Bilder sind ja einfach zu löschen. Gerade wollte ich mit dem Löschen beginnen, da stutzte ich, denn bei einigen dieser gar nicht gewollten Aufnahmen waren Motive dabei, die durchaus ihren Reiz hatten. Vielleicht, so meine Idee, sollte man mal eine Ausstellung mit genau solchen Bildern machen – sozusagen „Modern Art aus Versehen“.

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