Am vergangenen Wochenende sind wir ins Jubiläum geschlittert: 875 Jahre Chemnitz. Einfach so – von Silvester nach Neujahr, wie in den vorangegangenen 874 Jahren auch. Also zur Erklärung: In den vorangegangenen 874 Jahren waren wir in Summe natürlich nicht persönlich dabei aber Chemnitzer waren es in unserer Stadt schon. Wir eingeschlossen hatten also Übung. Und noch etwas zur Erklärung: geschlittert ist auch nicht der richtige Begriff, denn es war ziemlich mild.
Von Silvester auf Neujahr das Übliche: Glückwünsche, Raketen, Böller, Konfetti, späte Telefonate mit guten Wünschen (inklusive der immer mal wieder zusammenbrechenden Mobilfunknetze), Sekt, Selters, Bier, Bowle, Fassbrause (die wir als Kinder verabscheuten und jetzt kultig finden und sogar ohne Zagen aus der Flasche trinken, was meine Mutter nicht hätte sehen dürfen), laute Gespräche und auch leise Momente der Besinnung… Es war also das gewohnte Programm (wegen der Feinstaubbelastung hatten wir vorsorglich auf Raketen und Böller verzichtet, wurden aber von der Nachbarschaft mehr als verwöhnt), warum sollte es das auch nicht sein? Nur weil Chemnitz in diesem Jahr sein Jubiläumsjahr feiert, muss doch längst nicht alles anders sein, oder? Natürlich nicht aber trotzdem fühlte sich alles ein wenig prickelnder an, spannungsgeladener, erwartungsfroher – schließlich ist so ein Jubiläumsjahr kein ganz normales Jahr.
Es gibt in unserer Familie die schöne Tradition, zu Silvester das Konzert zum Jahreswechsel zu besuchen. Traditionell spielt in Chemnitz die Robert-Schumann-Philharmonie Beethovens Neunte. Vor Jahren fanden an dem Abend zwei Konzerte im Opernhaus statt; jetzt gibt es nur noch ein Konzert um 18.00 Uhr in der Stadthalle. Aus diesem Anlass ist meistens die Stadthalle bis auf den letzten Platz besetzt und es lohnt sich, sich schon frühzeitig um Karten zu kümmern. So auch dieses mal. Natürlich genossen wir die rund siebzig Minuten Musik. Und natürlich war es wieder ein Hochgenuss, dieses „Freude schöner Götterfunken“. Langsam, ganz langsam legte sich der Beifall in der Stadthalle und wir hatten Zeit, unseren Gedanken nachzugehen.
Steht das, was diese Neunte von Beethoven zum Ausdruck bringt, nicht exemplarisch für unser Sein; ganz gleich ob wir von uns selbst als Individuum oder von der Stadt als Organismus sprechen? Folgen nicht auf trübe Stunden häufig auch wieder Stunden mit Sonnenschein, wenn wir es nur selbst in die Hand nehmen, das Schicksal? Haben wir nicht persönlich neben den Mühen des Alltags nicht auch ausreichend Grund und Gelegenheit zu feiern und uns zu freuen? Und so, wie das für uns gilt, möge es doch auch für eine Stadt gelten!
Gehen wir also frohen Mutes in das vor uns liegende Jahr, in dem Chemnitz das 875. Jubiläum seiner Ersterwähnung feiert, denn wer arbeitet, der soll auch feiern (sagte meine Mutter auch schon immer, um den Bogen zu schließen).

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