Was passieren kann, wenn man zu häufig im @philomagde liest… — 24. November 2019

Was passieren kann, wenn man zu häufig im @philomagde liest…

Auf Empfehlung des Philosophie-Magazins habe ich Frank Witzels Buch „Uneigentliche Verzweiflung“ gekauft und sofort angefangen, zu lesen; und es hat mich angeregt, eigene philosophische Gedanken „zum Denken“ anzustellen. Und was ist dabei herausgekommen? Hier eine kleine Sentenz:

18. November 2019

Vor zwei Tagen habe ich damit begonnen, das Buch „Uneigentliche Verzweiflung“ von Frank Witzel zu lesen. Es hat den Untertitel „Metaphysisches Tagebuch“. Es handelt im weitesten Sinne vom Denken, indem Witzel den Gedanken einfach keinen Einhalt gebietet und ihr Mäandern im Bewusstsein und Unterbewusstsein versucht zu Papier zu bringen.
Machen wir anhand eines einfachen Beispiels den Selbstversuch. Ich blicke, an meinem kleinen Schreibtisch im Arbeitszimmer sitzend, aus dem Fenster und stelle fest, dass es dunkel ist. Was von dieser Feststellung ist schon mit der Kategorie Denken verbunden? Doch wohl so viel, dass es eines wie lang auch immer gewesenen Lernprozesses bedurft hat, um den Zustand „hell“ vom Zustand „dunkel“ zu unterscheiden.
Mit Sicherheit ist dieser Lernprozess schon eine halbe Ewigkeit in mir verortet, denn ich darf annehmen, dass schon zu der Zeit, als ich noch keine zwei oder drei Jahre alt war, meine Großeltern und auch meine Eltern ständig die Begriffe „hell“ und „dunkel“ im Munde führten. Wie aber habe ich den Unterschied erstmals bewusst wahrgenommen? Mir Sicherheit hat niemand mich an die Hand genommen, und an einem Novemberabend um 18.00 Uhr, am Fenster mit mir stehend gesagt, dass das, was jetzt draußen rein vom vorhandenen Lichte her der Seinszustand sei, als „dunkel“ bezeichnet würde. Genau so wenig, wie mir einer den Sonnenaufgang als den Zustand „hell“ erklärt hätte.
Also bleibt nur die Möglichkeit, dass ich die Zuordnung der Begriffe zu den tatsächlichen Zuständen rein durch die Vorbildwirkung aus den Gesprächen in der Familie erlernt habe. Was also wäre geschehen, wenn man sich in meiner Familie einig gewesen wäre, den Begriff „dunkel“ regelmäßig durch „hungrig“ zu ersetzen. Erstens wäre das eine enorme Anstrengung für alle Mitglieder der Familie gewesen, denn der Begriff „dunkel“ ist ja schon eindeutig bei allen Familienmitgliedern durch die Abwesenheit von viel Licht in der Winterhälfte des Jahreslaufs konnotiert gewesen. So und nicht anders hatten es alle im Laufe der Zeit von ihren Eltern und Großeltern gelernt, seit Jahrzehnten, Jahrhunderten… Da wäre es nicht ausgeblieben, dass man aus Versehen den Begriff „dunkel“ für den Begriff „hungrig“ benutzt hätte. Hätte ich gemerkt, dass man sich versprochen hat?
Zweitens: Wie hätte ich reagiert, wenn mein Großvater – diesmal bewusst den richtigen Begriff verwendend – zum Ausdruck gebracht hätte, dass er hungrig sei? Wie hätte es auf mich gewirkt zu erfahren, mein Großvater sei dunkel, obwohl er doch nur etwas essen wollte?

24. November 2019

Witzel vergleicht seine Art zu Denken für die Notizen in seinem Tagebuch mit dem Schwimmen in Bahnen; er nennt es in Bahnen denken. Aber genau darin scheint das Problem zu stecken, denn eine Bahn setzt voraus, dass es sowohl eine rechte als auch eine linke Begrenzung gibt, die nicht überschritten werden kann. Genau das tun aber Gedanken immer wieder: Grenzen überschreiten. Um so mehr ich meine Gedanken zu zwingen versuche, in eine bestimmte Richtung auf einem nicht zu breiten Korridor zu mäandern, um so mehr schränkt es die Bewegungsfreiheit des Denkens ein – im Grunde genommen ist es doch sogar so, dass die versuchte bewusste Beschränkung erst Ansporn für die Gedanken darstellt, sich über die mental gezogenen Grenzen hinweg zu bewegen. Aber ist es denn so?
Ein Beispiel: Ich schaue genau jetzt von meinem Schreitisch aus dem Fenster auf die vor mir liegende Straße und stelle fest, dass an beiden Seiten abgeparkte Autos stehen, sich ansonsten aber weder etwas bewegt – keine Fußgänger, keine durchfahrenden Fahrzeuge. Es ist Sonntag, das weiß ich natürlich, weshalb dieser Zustand nicht unnatürlich ist. Jetzt sehe ich einen Menschen mit einem Hund an der Leine die Straße heraufkommen. Kommt er vom Bäcker, frage ich mich? Immer wieder eingesprengt in diese Gedanken baue ich mir eine Erwartungshaltung auf, die das oben Gesagte bestätigen soll: Ich möchte, dass meine Gedanken endlich abschweifen, weg von dieser Straße, weg von diesem Mann mit Hund, weg aus dieser Bahn, die einer Bahn beim Schwimmen gleicht…
Aber je fester ich es mir vornehme, desto weniger scheint es zu gelingen. Wenn Voraussetzung für das Gelingen des Abschweifens Willenlosigkeit ist, dann ist im Umkehrschluss ein fester Wille Grundsubstanz für Richtungsdenken.
Ich bin ernüchtert. Es ist mir in den letzten vier, fünf Minuten nicht gelungen, mit meinen Gedanken von den mir selbst verordneten Grenzen abzuweichen. Ich schaue immer noch auf die Straße; inzwischen sind noch zwei Radfahrer entlang gefahren, noch jemand kam wohl vom Bäcker. Ist es also gegebenenfalls so, dass es wenigstens zwei Ebenen von „Denken in Bahnen“ gibt. Ebene eins: Man will sich auf bestimmte Gedanken konzentrieren, was einem gelingt, weil es einem nicht gelingt, mit den Gedanken abzuschweifen. Diese Ebene ähnelt einem „Nicht-Ausbrechen-Können“ trotz der absolut dazu vorhandenen Möglichkeit. Ebene zwei: Die Gedanken beginnen von ganz allein weitschweifig zu mäandern, weil man sich genau nicht vornimmt, sie ausschweifen zu lassen. Diese Ebene ist wohl das „Nicht-nicht-Ausbrechen-Können“. Ebene eins wird offensichtlich vom Bewusstsein gesteuert, denn es bedarf ja wohl einer nicht unerheblichen Anstrengung zu versuchen, mit den Gedanken abzuschweifen, ohne dass dies gelingt. Insofern ist – eingedenk der aufgewendeten Energie – Ebene eins in hohem Maße ineffektiv, obwohl sie doch nach außen hin als effektiv erscheinen mag, da es ja in ihr gelingt, das Denken in den Bahnen zu halten. Aber Systeme streben nach höherer Unordnung unter Abgabe von Energie, was uns zu Ebene zwei gelangen lässt. Ebene zwei wird ausschließlich vom Unterbewusstsein gesteuert, denn das Abschweifen gelingt offensichtlich erst dann, wenn das Bewusstsein ausgeschaltet ist. Man muss also Energie aufwenden, um zu einem Zustand höherer Unordnung zu gelangen. Damit verhält sich das Denken genau umgekehrt wie die Energieerhaltung von Materie und Strahlung.
In dem Bewusstsein, die Gedanken nur in der Ebene des Unterbewusstseins wirklich frei schweben zu lassen, liegt die Verheißung, endlich aufgeben zu können, alles steuern zu wollen.

Was einen bewegt, wenn man ein altes eigenes #Manuskript findet – oder: Die #Liebe zu Thomas Mann und dem #Zauberberg — 23. November 2019

Was einen bewegt, wenn man ein altes eigenes #Manuskript findet – oder: Die #Liebe zu Thomas Mann und dem #Zauberberg

Auf der Suche nach Unterlagen für irgendeinen Antrag, den ich bei einer Behörde stellen will, fiel mir eine Mappe in die Hand, die ich wahrscheinlich schon mehrere Jahre nicht mehr angefasst hatte; Manuskriptentwürfe aus den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, mithin jetzt deutlich mehr als dreißig Jahre alt. Natürlich kommt bei solchen „alten Papieren“ zuerst bei einem selbst die Neugier auf: Was hast du damals geschrieben? Was hat dich bewegt? In welchem Licht würden die Dinge heute gesehen werden?

Nun, die Schreibmaschine, auf der ich das damals alles schrieb, existiert schon lange nicht mehr und die Blätter sind böse vergilbt; trotzdem macht es Spaß, die alten Gedanken noch einmal aufzunehmen, sich sozusagen in die eigene gedankliche Vergangenheit zu begeben.

Jeder, der nur einige Zeilen liest, wird feststellen, dass sich der Entwurf des Briefromans (knappe hundert Seiten habe ich damals geschrieben), um die Annäherung an das Buch „Der Zauberberg“ von Thomas Mann dreht. Ja, dieses Werk von Thomas Mann (mit Abstand mein Lieblingsschriftsteller) verehre ich wie kaum ein zweites. Ich habe es als ganz junger Mensch gelesen, wenig oder kaum etwas verstanden, dann habe ich es noch einmal mit Mitte fünfzig gelesen, wohl etwas mehr verstanden (wobei die Betonung deutlich auf „etwas mehr“ liegt) und ich werde es wieder zur Hand nehmen…

Nun steht für mich natürlich die Frage, wie ich mit den bereits beschriebenen Seiten umgehe, denn keiner (ja, diese Erkenntnis habe ich in den vergangenen Jahren erlangen können) schreibt nur für sich – am Ende will man sich mit seinem Geschriebenen mitteilen…

Also wäre doch zu überlegen, den Text nach und nach hier im Blog zu posten…

Ich bin selbst neugierig, was geschehen wird…

Heute gibt es hier eine #Leseprobe aus meinem #Roman „Gestatten, Kahlmann, Gregor Kahlmann“. #Rezensionsexemplare für reichweitenstarke Kanäle gerne auf Nachfrage unter tschoek@googlemail.com. Bestellbar ist das Buch auf den wichtigsten Buchplattformen. Viel Spaß beim Lesen. — 11. Oktober 2019

Heute gibt es hier eine #Leseprobe aus meinem #Roman „Gestatten, Kahlmann, Gregor Kahlmann“. #Rezensionsexemplare für reichweitenstarke Kanäle gerne auf Nachfrage unter tschoek@googlemail.com. Bestellbar ist das Buch auf den wichtigsten Buchplattformen. Viel Spaß beim Lesen.

Links und rechts der AKW

„Becker, du Verbrecher!“, ich sagte es leise, aber so, dass man es hören musste. Nur meiner guten Erziehung und der Angst vor möglicherweise falschen Schlüssen, die Martina hätte ziehen können, war es zu verdanken, dass ich das vermaledeite Buch nicht in hohem Bogen in den Kamin warf, in dem orange leuchtende Buchenholzscheite vor sich hin glühten. „Becker, du elendiger Verbrecher“, murmelte ich noch einmal, als ich das Buch geräuschvoll zuklappte. Fünfzig Seiten hatte ich jetzt in diesem Becker-Roman mit dem, wie ich meinte, geistlosen Titel Kahlmann gelesen und so sehr ich mich auch anstrengte, das Buch idiotisch zu finden, es gelang mir nicht. „Und“, fragte Martina, an irgendeiner Handarbeit nestelnd, vom Sofa her, „wie liest sich denn dieser Stahlmann?“ – „Kahlmann, Kahlmann, mit K“, sagte ich in einem Ton, der nichts Gutes für den Fortgang unseres Gesprächs besagte. Martina blieb ruhig: „Aber das ist ja nun alles andere als die Antwort auf meine Frage“, – ja, so kannte ich meine Frau, Lockerlassen, wenn man merkt, dass der andere sich quält, das war nicht ihr Ding. Martina hatte zum Häkeln oder Sticken oder was weiß ich, was sie tat, ihre Lesebrille aufgesetzt; jetzt schaute sie mich über den Rand der Gläser hinweg an, auf eine Antwort wartend. Aber ich schwieg. In die Gemengelage der im Raum stehenden Frage, gemischt mit meinem Schweigen, tröpfelte nur das Vor-sich-hin-Knistern der Buchenscheite ein, vielleicht noch angereichert durch das Knattern eines Mopeds, das sich den Hang hinauf quälte und das man von der Straße her hörte. „Welcher Idiot fährt denn bei dem Schneematsch noch mit `nem Moped draußen rum?“, vielleicht ließ sich Martina ja auf diese Art und Weise ablenken. Weit gefehlt, denn vom Sofa her vernahm ich deutlich: „Ist auch nicht die Antwort, ich weiß immer noch nicht, wie sich dieser Stahl…hmmm Kahlmann liest.“ Ach, leck‘ mich, dachte ich, lies doch selber, wenn du es genau wissen willst, kannste halt ein Häkeldeckchen weniger zu Weihnachten verschenken. „Hmmm, geht so“, log ich, denn dass ich das Buch bei Seite fünfzig zugeklappt hatte, war nicht als Reaktion darauf zu verstehen gewesen, dass es mich nicht gefesselt hätte. Gefesselt hatte es mich leider von der ersten Seite an und dass ich aufhörte zu lesen, war reiner Frust (Reiner Frust, auch kein schlechter Name für einen Romanhelden, dachte ich genau in dem Moment, in dem wieder der Schriftsteller in mir durchkam; auf der Suche nach Namen, nach Gegebenheiten, nach… nach allem halt). Tja, dachte ich dann weiter, wenn mir alles beim Schreiben so leicht von der Hand ginge, wie die Namen für meine Romanhelden zu finden, tja, das wäre schon Spitze.

Martina, die im richtigen Leben (wie ich diesen Begriff liebte!) als Verkäuferin in einem Supermarkt arbeitete, hatte sich inzwischen einen Tee gemacht. Versonnen zog sie nach exakt drei Minuten den Teebeutel, der einer minderjährigen Maus, die sich soeben ertränkt hatte, nicht ganz unähnlich war, aus der Teetasse, legte ihn auf den Teelöffel und wickelte nun die paar Zentimeter Zwirn, die das kleine Pappschildchen, auf dem man die Teesorte ablesen konnte mit dem Beutel verband, um den Löffel, und zwar so, dass die noch im Teebeutel verbliebene Flüssigkeit aus dem Aufguss gepresst wurde und Tropfen für Tropfen in die Teetasse perlte. Dieser Vorgang dauerte bei Martina nicht weniger als zwei Minuten; wahrscheinlich war das kleine Kissen mit dem pulverisierten Tee inzwischen trocken, dachte ich. „Was heißt, hmm, geht so?“, Martina war so gnadenlos und unerbittlich! Ich musste in dem Moment daran denken, wie sie schon Leute zur Weißglut gebracht hatte, weil sie im Supermarkt an der Kasse sitzend und selbst mit nicht ausreichend Wechselgeld ausgerüstete Kunden dazu gebracht hatte, den Inhalt ihrer Geldbörsen auf das Warentransportband zu schütten – „na, da haben wir doch den Zweier, den wir gesucht haben“. Die Kunden räumten dann ihre Portemonnaies wieder ein, natürlich immer unter den gestrengen Blicken Martinas. Und wenn jemand weiter hinten in der Reihe stöhnte, weil es nicht weiter ging, dann hatte es Martina sogar drauf, den die Geldbörse wieder befüllenden Kunden vorwurfsvoll anzusehen und mit den Augen auszudrücken: Müssen sie denn hier alles aufhalten? Vorerst aber wollte meine Frau von ihrem Mann, der es als Schriftsteller ja wissen musste, nur erfahren, wie ihm denn der neue Becker-Roman gefalle, und zwar mit ein paar mehr Worten als diesem einsilbigen „hmmm geht so“.

Immer noch das Buch vor mir auf dem Tisch, musste ich daran denken, welche Mühe ich mir gemacht hatte, es zu besorgen. Eigentlich hätte ich es ja ganz einfach bei einem Internet-Händler bestellen können (ein Buch dabei – portofrei!) aber nicht ich, nicht der große Schriftsteller Martin Reiche, der Bücher angreifen musste, wenn er sie kaufen wollte, wie um festzustellen, ob sie auch passten, über den Schultern nicht spannten, die Ärmel nicht zu kurz oder zu lang wären. Gerade weil ich ja selbst Schriftsteller war, gestaltete sich das Beschaffen von Büchern für mich als kompliziertes Unterfangen. Handelte es sich um Bestseller, munkelte man bald, ich wolle wohl auch mal in einem guten Buch lesen oder womöglich gar abschreiben; handelte es sich um den ganz gewöhnlichen Schund, der zentnerweise die Bretter in den Regalen der Buchläden bis auf ein bedenkliches Maß zum Durchbiegen brachte, fragte man sich, auf welches Niveau ich wohl abgesunken sei. Die Leute hätten sich wahrscheinlich am wenigstens gewundert, wenn ich gar nicht gelesen hätte.

In der Landesinnung unseres Schriftstellerverbandes jedenfalls – ich war Schatzmeister, nicht weil ich so gut mit Geld umgehen konnte, sondern, weil (meine Kollegen hatten das feixend gesagt) bei mir keine Gefahr bestünde, dass ich etwas veruntreute, mit meinem einfachen Gemüt – war längst bekannt, dass Becker einen neuen Roman auf den Markt warf. Über tausend Seiten, munkelte man. Über tausend Seiten Schrott, sprach ich mir damals noch Mut zu. Eigentlich hatte ich vorgehabt, die Schwarte zu ignorieren, bis mir Martina – sie selbst war wahrscheinlich sogar der Meinung, dass das treusorgend und die Pflicht einer Ehefrau sei – fein säuberlich ausgeschnitten eine Rezension auf den Schreibtisch drapierte, die mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Drei Spalten im Neuen Boten, unserer renommierten Lokalzeitung mit einer Auflage von immerhin zweihunderttausend Exemplaren (ich überschlug im Kopf und stellte mit dem Gefühl der sich aufrichtenden Nackenhaare fest, dass das bedeute, dass rund vierhunderttausend Menschen die Möglichkeit hätten, diese Rezension zu lesen) in der Mitte eine große Abbildung mit Christoph Becker, der sein Buch Kahlmann vor einem mit Büchern vollgestopften Regal grinsend in die Kamera hält, und dazu Sätze wie „wird ein völlig neues Kapitel zeitgenössischer Literatur aufgeschlagen“ oder „wird Eingang finden in das, was bleiben wird“ oder „einfach genial und genial einfach“ oder „sucht seinesgleichen unter den heutigen Schriftstellern“. Mich wunderte, dass Martina das Wort „seinesgleichen“ nicht rot angestrichen hatte und vielleicht noch mit einem Pfeil versehen hat, der auf mich zeigte. Immer. Und immer wieder.

Ja, was ich hätte alles tun können, um mich zum neuen Becker bemerkbar zu machen; ich hätte den Kulturredakteur des Neuen Boten anrufen können, um ihn zu fragen, was Becker denn hatte springen lassen, für diese tolle Rezension. Aber das getraute ich mir schon deshalb nicht, weil besagter Kulturredakteur wahrscheinlich nur hämisch am Telefon gelächelt hätte. Hämisch gelächelt deshalb, weil er sich gut daran erinnert hätte, mit welchen Tricks und Kniffen ich nach dem Erscheinen meines ersten kleinen Buches versucht hatte, mir den Mann gefügig zu schmieren. Da war die Einladung zu einer kleinen exklusiven Lesereise mit weiteren Schriftstellern aus unserem Landesverband – natürlich von Freitag bis Montag und natürlich nur in die besten Hotels in alten Schlössern – nicht einmal nur gefühlt war das eine Veranstaltung mit klar bestechlichem Hintergrund. Ich weiß nicht mehr, wie teuer die damalige Reise gewesen war, für mich und den Verband, der sich an den Unkosten beteiligt hatte. Aber ich weiß noch, dass besagter Kulturredakteur damals auch etwas geschrieben hatte zu meinem kleinen Bändchen – „…war Martin Reiche versucht, auf dem nicht leicht zu beschreitenden Weg, den Plot spannend zu halten, mit interessanten sprachlichen Mitteln zu agieren; leider ist der Versuch aus der Sicht des Rezensenten nur teilweise geglückt…“ – und so weiter und so fort. Ganze Dreizehn Zeilen, in irgendeiner Dienstagsausgabe, pfui, schäm dich doch! Und dafür hat der schon am ersten Abend mindestens zwei Flaschen Champagner allein gesoffen. Whisky – nicht zu knapp! Rotwein sowieso, immer, schon zum Frühstück. Erstaunlich, dass der in seinem Suff die dreizehn Zeilen in den Laptop hacken konnte, oder hat den missratenen Text auch noch die Dame geschrieben, die der mit hatte, eine Bekannte, olala, eine Bekannte, ich hab auch Bekannte… An der Stelle ein verstohlener Blick zu Martina, die weiter an ihrer Handarbeit werkelt – danke Martina!

Oder einen Leserbrief hätte ich schreiben können, unter falschem Namen, zum Beispiel unter dem Namen Andrea Chatwin, mit der ich sowieso noch ein Hühnchen zu rupfen hatte. Andrea ist Martinas Freundin. Und das Hühnchen zu rupfen habe ich Grund, weil Andrea immer – ich betone immer – in den allerunpassendsten Momenten stört. Zum Beispiel sonntags, wenn es mir fast gelungen ist, Martina zu einem Mittagsschlaf zu überreden – natürlich nicht, weil ich wirklich müde bin, sondern nur, weil ich Lust auf ungestörten Sex habe – wenn also Martina fast soweit ist, mir in das Schlafzimmer zu folgen, höre ich, schon unter der Dusche, ein Geräusch, das mir das Blut in den Adern gefrieren lässt: das Schellen des Telefons. Oh, diese vermaledeite Melodie, denke ich, noch in der Hoffnung, dass es Martinas Mutter sein könnte, mit der sie nie lange spricht. „Du bist‘s, schön dass du anrufst!“, ich weiß immer noch nicht, wer am anderen Ende der Strippe ist. Vorsichtshalber stelle ich die Dusche ab und lausche – schon nach Sekunden wird mir klar, dass es nur Andrea sein kann, denn Martina ist nach wenigen Sätzen in einen Plausch mit ihrer Freundin verfallen, der jetzt noch ein bis zwei Stunden anhalten kann. Prima Sex, denke ich, steige aus der Duschkabine und habe schlechte Laune.

Zwei Stunden später, ich habe versucht, ein Stündchen zu schlafen, was mir aber wegen der ständigen Präsenz des nicht stattgefundenen Beischlafs mit meiner Frau nur andeutungsweise gelungen ist, ruft Martina aus der Küche: „Andrea hat angerufen!“ – „Prima, lebt sie also doch noch“, gebe ich gereizt zurück, was wiederum bei meiner Frau ein verstörtes Gesicht hervorruft. Ein böser Leserbrief zu Beckers Kahlmann mit dem Absender Andrea Chatwin wäre also sicher eine schöne Strafe gewesen, für Becker und für Andrea. Und für meine Frau.

Natürlich hätte ich auch noch eine viel bessere Strafe für Becker auf Lager gehabt: Ich hätte selbst nur ein besseres Buch schreiben müssen. Aber diese naheliegendste der Strafen war leider auch mit den größten Schwierigkeiten für mich verbunden. Ich musste nämlich schreiben, beharrlich, einfallsreich, in einem ansprechenden Plot… Warum fällt es Schriftstellern eigentlich häufig so unsagbar schwer, ihren Beruf auszuüben? Gar nicht auszudenken, wenn Busfahrer nicht Bus fahren könnten, Schornsteinfeger nicht schwindelfrei wären oder Holzfäller sich weigerten, Bäume zu fällen, weil sich das nicht mit ihren ethischen Naturschutzvorstellungen deckt. Nur wenn Schriftsteller sich zu dumm anstellen, einen einzigen halbwegs sinnvollen Satz an einem ganzen Vormittag aufs Papier zu bringen, wird das als „kreative Leere“ gedeutet. Und mit welchen ausgefeilten Mitteln ich versucht hatte, diese Leere zu überlisten. Einmal dachte ich, dass es besser würde, wenn ich fortan nur noch mit Füllfederhalter schriebe. Ich war auf diesen tollen Einfall nicht ganz von selbst gekommen; irgendwie hatte ein anderer Kollege, Ulli Tellmann, der mit seinem Roman mit dem Titel Die Turmuhr (auch so ein „Fast-zwei-Kilo-Buch“), für einigermaßen Furore gesorgt hatte, mir ein Licht aufgehen lassen. Tellmanns Roman spielt in einem luxuriösen Villenviertel in einer barocken Stadt, in der er selbst wohnt. Und Tellmann lässt Authentizität und Fiktion miteinander in seinem Roman spielen, was heißen soll, dass man einen Teil der im Roman beschriebenen Häuser auch tatsächlich an den nach Nordwesten hin leicht ansteigenden Hängen an dem Strom, an dem die Stadt liegt, stehen sehen kann. Nachdem also der Roman meinem Kollegen Tellmann (grüßt der mich eigentlich noch, nachdem er irgend so einen Preis für sein Buch bekommen hat?) einige Berühmtheit eingebracht hat, sind gleich auch die Trittbrettfahrer aktiv geworden und es dauerte nicht lange, und es wurden thematische Stadtführungen mit dem Titel „Auf den Spuren der Turmuhr“ in besagtem Villenviertel angeboten. Als ich einmal ganz sicher war, dass Tellmann zu einem Studienaufenthalt (woher hatte der immer diese Stipendien?!) weilen musste, buchte ich mich in solch eine Führung ein. „Und jetzt“, die Stimme des narzisstischen Stadtbilderklärers wurde verschwörerisch leise, „nähern wir uns dem Wohnhaus von Ulli Tellmann.“ Dann erzählte er uns, dass er selbst schon bei ihm gewesen sei und Tellmann ihm dreißig Seiten Originalmanuskript geschenkt hatte – weil er sich so rührend um die Vermarktung der Turmuhr bemühe. Der Stadtbilderklärer griff in seine Umhängetasche und zauberte eine Mappe hervor, die die Kopie einer angeblichen Originalmanuskriptseite der Turmuhr enthielt. Die hielt er uns, sie im Bogen langsam schwenkend, vor die Augen. Andächtiges Schweigen breitete sich aus. Ich erlaubte mir, weiter zu atmen. Dann kam aus der Runde (nicht von mir!) die Frage, wieso denn Tellmann noch mit der Hand schreibe. Der Stadtführer lächelte verzückt: „Aber etwas für das Literaturarchiv in Marbach muss doch bleiben!“

Marbach hin, Marbach her, ich wäre ja schon froh, wenn mein Buch endlich irgendwie fertig würde. Aber vielleicht nützte die Nummer mit dem Füllfederhalter ja etwas. Also kaufte ich ein entsprechend teures Gerät, befüllte es mit Spezialpatronen (nachfüllbar – angeblich, was unbewiesen bleiben muss, weil ich es nie versuchte), brachte das Gerät wie eine Waffe in Anschlag und … kritzelte drei Worte auf das karierte Papier. „Ganz zu Anfang“ stand nun in krakeliger Schrift auf einem Blatt und nahm gerade mal drei Prozent der DIN-A-4-Seite ein. Nach fünf Minuten fuhr ich mit der Hand vorsichtig über die Worte: prima, trocken war die Tinte schon mal. „Ganz zu Anfang“ – ich starrte auf die drei Worte, bis sie verschwammen. Dann versuchte ich, die Augen wieder scharf zu stellen, was mir nur bedingt gelang. „Glanz nun langsam“ las ich jetzt, nicht mehr ganz sicher, was ich damit ausdrücken wollte. Ich blickte noch immer wie gebannt auf das Blatt. Meine Augen hatten leicht angefangen zu Tränen, was einen neuen Halbsatz zutage brachte: „Gans und Sandmann“ – damit wiederum konnte ich nun noch weniger anfangen als mit „Glanz nun langsam“. Nach einer Viertelstunde und drei weiteren ebenfalls wenig sinnvollen Versionen meines ersten Teils des ersten Satzes fiel mir – völlig überraschend, weshalb ich irgendwie erschrak – die Fortsetzung meines Geschichtenbeginns ein: „Ganz zu Anfang“ (ja, ich weiß, das stand schon da) „sah alles noch so aus, als wenn es sich wieder einrenken würde.“ Ich griff zum Füller, um den zweiten Halbsatz, den ich bis dahin nur leise vor mich hingemurmelt hatte, zu Papier zu bringen. Ich setzte die Feder im richtigen Abstand hinter das Ende von „Anfang“ und wollte schreiben – ja was, ich hatte den zweiten Teil des Satzes wieder vergessen. Ich grübelte und drückte dabei die Feder so gegen das weiße Papier, dass sie sich bedenklich bog. „Ganz zu Anfang“ las ich, aber ich wusste wieder nicht weiter. „Kratschsch“ – aus der abgebrochenen Feder quoll schwarze Tinte auf das Blatt – jetzt konnte ich nur noch „Ganz zu Anf“ lesen, „ang“ war leise röchelnd in einem schwarzen See ertrunken. Ich warf den Füller weg.

Ein andermal versuchte ich, bei ausgiebigen Spaziergängen zu dichten. Dazu besorgte ich mir ein Diktiergerät der Marke Samsung inklusive Batterien zum Preis von 19,90 Euro. „Nehmen Sie nicht den billigsten Schrott, Herr Reiche“, hatte die freundliche Verkäuferin gesagt und mir verschwörerisch zugelächelt, bevor sie mir ein Handbuch von der Dicke eines mittleren Telefonbuchs über den Ladentisch schob: „Die Bedienungsanleitung, in acht Sprachen, deshalb etwas voluminös.“ Das Wort „voluminös“ hätte ich ihr gar nicht zugetraut, dachte ich in dem Moment, als ich mit einem Zwanzig-Euro-Schein bezahlte und das mit viel Styropor und reichlich Pappe umhüllte Gerät nebst des Telefonbuchs in einen Plastikbeutel gleiten ließ. „Na dann, viel Spaß beim Diktieren“, rief mir die nette Verkäuferin hinterher, als ich aus dem kleinen Laden trabte, um schnell nach Hause zu kommen, denn ich wollte das Gerät sobald wie möglich ausprobieren. Zu Hause angekommen riss ich die Verpackung auf und versuchte, die Batterien in das Gerät einzulegen. Die Bedienungsanleitung hatte ich schon nach zwanzig Sekunden entnervt zur Seite geschoben, denn es war schon schwierig, den deutsch geschriebenen Teil in dem daumenstarken Büchlein zu finden, geschweige denn dafür zu sorgen, dass die einmal gefundene Seite aufgeschlagen blieb, denn nach einem Blick in das Buch musste ich natürlich das Gerät zur Hand nehmen, was unweigerlich damit verbunden war, das Buch beiseite zu legen, was wiederum damit einher ging, dass sich die Seite mit der in Deutsch geschriebenen Anleitung von selbst verblätterte… Nach zwanzig Minuten waren die Batterien in dem Gerät und ein erster Funktionstest verlief positiv. „Eins, eins, eins, zwo, drei“, knarrte es in meinem Arbeitszimmer, nachdem ich die Wiedergabetaste gedrückt hatte. Ich spulte zurück, warf mir den Mantel über, steckte das Gerät in die Manteltasche, griff vorsichtshalber noch nach einem Schirm und war mir sicher, heute endlich den Durchbruch bei meinem neuen Buch zu schaffen.

Es war einer dieser Herbsttage, wie ich sie liebte. Die Temperaturen waren noch angenehm, sicher um die achtzehn Grad, es regnete nicht, auch wenn sich immer mal wieder Wolkenberge auftürmten und der Wind zerzauste einem die spärlicher werdenden Haare, dass es eine Freude war. Dazu ließ sich immer wieder auch für längere Perioden die Sonne blicken, strahlte schon tiefer über den Häusern stehend in die Gärten und brachte die noch vorhandenen Blätter in den Bäumen zum Glühen. So bekommt man den Kopf frei, dachte ich, so lässt sich arbeiten. Zielstrebig steuerte ich auf den Park am Ende unserer Straße zu. In dem kleinen Areal, das einstmals der Park zu einer Fabrikantenvilla war, ging ich gerne spazieren. Die Wege waren gepflegt und man hatte im allgemeinen seine Ruhe, verirrten sich doch nicht allzu häufig Besucher oder Jugendliche mit Fahrrädern oder Skatboards hierher. Ich ging durch das gusseiserne Tor, das immer offenstand und betrat meine kleine heile Welt. Ich verlangsamte meine Schritte, ein Griff in die Manteltasche sagte mir, dass auch das Equipment stimmte, denn das Diktiergerät mit seinen abgerundeten Ecken fühlte sich gut an und gab mir Sicherheit. Nach einigen Schritten hatte ich den Faden gefunden. Ich legte mir den ersten Satz im Kopf zurecht, nahm das Gerät aus der Tasche, drückte den Aufnahmeknopf und sprach: „Peter aber konnte einem Friedensangebot nie und nimmer zustimmen, dass wusste er schon in dem Moment, in dem er Mark die Hand reichte. Er würde alles daran setzen, als Sieger vom Platz zu gehen.“ Im Mittelpunkt der Geschichte, die ich gerade schrieb, standen zwei Jugendliche, die sich beide in das gleiche Mädchen verliebt hatten und nun, nachdem klar war, dass das Mädchen sich nicht würde entscheiden können, versuchten, in einer Art Wettbewerb auszuspielen, wer Anspruch auf die wahre Liebe der Schönen hatte. „Also stimmte er zwar pro forma zu, wusste aber in dem Moment schon, dass er alles tun würde, die Abmachung auf keinen Fall einzuhalten.“ Ich drückte den Halt-Knopf. Der böige Wind strich mir um den Kopf. Ich war mit den beiden Sätzen, die nun auf dem Speicher des Diktiergerätes fest eingebrannt waren, zufrieden. Daraus würde sich etwas entwickeln lassen, ein handfester Konflikt, um dessen Auflösung ich mir in dem Moment noch keine Gedanken machen musste. Ich hatte das Diktiergerät und Tage, die sich anböten, im Park zu diktieren, würde es noch wie Sand am Meer geben. Wie gesagt war der Park nicht gerade riesig; nach sieben Minuten war man den Rundweg bei normalem Tempo einmal abgegangen. Ich lief an jenem Tag mindestens zehn Runden und hatte nach meinem ausgiebigen „Diktier-Spaziergang“ so um eine halbe Stunde herum gesprochen und kluge Sätze auf das Speichermedium gebannt. Ich kontrollierte den Batteriestatus; alles noch im grünen Bereich. Als ich das Gerät wieder in die Manteltasche gleiten ließ, spürte ich noch einmal deutlich die befreiende Wirkung des böigen Windes. Das einzige, was mir dazu einfiel war, dass ich vielleicht hätte eine Mütze aufsetzen sollen – wegen der Ohren, ich war manchmal etwas empfindlich auf den Ohren. Wenn ich wieder zu Hause wäre, würde ich alles Geschriebene sofort in meinen Rechner tippen, nahm ich mir vor und steuerte den Heimweg an.

Zu Hause angelangt brühte ich mir zuallererst einen großen Pott schwarzen Tee auf. Dann setzte ich mich an meinen Schreibtisch, fuhr den Computer hoch und stellte das kleine Diktiergerät neben denselben. Ich schaute das kleine mattschwarz glänzende Gerät an; irgendwie war ich von meiner guten Idee mehr als begeistert. Dann spulte ich zurück bis zum Anfang und drückte auf Wiedergabe: „Pssschhhciehhhhhüühhhriedens sshhchcccihehhehhhhyhyhhhhheiihhmmer zusticchchhccihhehehhhyyte er schon in deccchhchciheheuussshhhiiehhynt, in dem er Mark schhchhcciiuuuhhhiieeehhwürde alles daran setzen, alyyyhhiihhuhhhhhuutz zu ssccsshhiegen.“ Ich spulte noch einmal zurück und drückte die Wiedergabetaste. Das gleiche Ergebnis: „Pssschhhciehhhhhüühhhriedens sshhchcccihehhehhhhyhyhhhhheiihhmmer zusticchchhccihhehehhhyyte er schon in deccchhchciheheuussshhhiiehhynt, in dem er Mark schhchhcciiuuuhhhiieeehhwürde alles daran setzen, alyyyhhiihhuhhhhhuutz zu ssccsshhiegen.“ Noch einmal. Noch einmal und noch einmal. Dann wurde mir klar, dass die Windböen im Park dafür gesorgt hatten, dass ich nichts, aber auch gar nichts von dem, was mir an dem Nachmittag eingefallen war, auch nur annähernd würde retten können. Vor Wut nahm ich das Diktiergerät und tauchte es in den noch nicht angerührten Pott Tee. Eine kleine bernsteinfarbene Flutwelle ergoss sich über den Rand des Glases auf die Untertasse und den Tisch; das Diktiergerät nahm das Aussehen einer Wasserleiche an – wenigstens fühlte ich mich nicht mehr ganz so schlecht. Dann entsorgte ich beides, den Tee in den Ausguss und das Diktiergerät in den Restmüll. Ich wusste, dass das nicht die richtige Art der Entsorgung von Elektronikschrott war. Na und!?

Neben der also mehr oder weniger wegen der eigenen Schwäche ausfallenden Möglichkeit, Becker durch Leistung zu schlagen (DAS BESSERE BUCH SCHREIBEN!!!! – DER ALPTRAUM), gab es nur noch eine ernst zu nehmende Alternative, ihn zu demütigen: Ich musste ihn in eine Situation manövrieren, in der er sich unsagbar blamierte. Das war mir übrigens schon einmal gelungen gewesen, und das ging so: Becker und ich waren gemeinsam (in meinem Auto – aha, geizig ist dieser Becker also auch noch) unterwegs zu irgendeiner Sitzung unseres Landesverbandes gewesen. Auf der Autobahn kurz vor einer größeren Stadt (ich glaube, wir fuhren damals in Richtung Osten) sah man schon von weitem auf der linken Seite zwei Türme aufragen, die entfernt den Kuppeln ähnelten, die man von Atomkraftwerken her kennt. Da ich kurz zuvor in der Zeitung gelesen hatte, dass genau an der Stelle kürzlich eine Biogasanlage in Betrieb genommen worden war, wusste ich also, dass da nichts mit Atom und so weiter war. Aber Becker? Als wir uns den beiden grau gestrichenen vierundachtzigmal vergrößerten Straußeneiern auf ein paar Hundert Meter genähert hatten, setzte ich – für Becker unbemerkt – die schönste Leidensmine auf, die ich irgendwie aus meinen Gesichtsmuskeln hervorkramen konnte und presste ein verzweifelt klingendes „Diese Dreckschweine!“ hervor. Becker bewegte den Kopf langsam in meine Richtung, wohl immer noch annehmend, dass er sich nur verhört hätte. Links und rechts rauschten die Leitplanken an uns vorbei – ansonsten war es friedlich; die Welt schien mit sich selbst im Reinen. Aber ich setzte noch einen oben drauf. Als sich meine Leidensmine in eine Superleidensmine verwandelte, gleichzeitig aber kein weiteres Wort über meine Lippen kam, sagte Becker (wir waren in dem Moment in Höhe der Biogasanlage): „Was hast du gesagt, ich habe schlecht verstanden?“ Ich ließ die Frage gefühlt vier Stunden lang in der muffigen Luft meines Autos hängen. In die Wind- und Abrollgeräusche, die mein Wagen, ein uralter Opel Kadett mit einer Ökobilanz, die nicht einmal ganz zu Beginn der industriellen Revolution gesellschaftliche Anerkennung gefunden hätte, verursachte, presste ich dann noch einmal aus meinen Stimmbändern: „Schweine, elende Dreckschweine!“ hervor. Ich sagte es fast tonlos und Becker musste es von meinen Lippen ablesen. Als ich spürte, dass sein Blick mich traf, fing ich an, wie entgeistert zu blinzeln. Es hätte mich in dem Moment auch nicht gewundert, wenn mir eine Träne (links oder rechts – ganz egal) die Wange hinunter gerollt wäre. „Was denn für Schweine?“, Becker wirkte ratlos. Die Biogasanlage war jetzt sicher schon einen Kilometer hinter uns. „Mensch, Becker, hast du denn die beiden Türme links nicht gesehen?“ Becker hatte: „Ja und, was ist mit den beiden Türmen?“ – „Das ist ein erst vor vier Wochen in Betrieb genommenes Atomkraftwerk, mein lieber Becker.“ – „Quatsch, Atomkraftwerke werden in Deutschland abgeschaltet, Martin, da werden die doch keine neuen in Betrieb nehmen.“ – „Weißt du Christoph, ich staune schon manchmal, wie leicht man die Leute für dumm verkaufen kann. Leider auch dich! Natürlich werden in Deutschland die Meiler abgeschaltet, aber nur die der sogenannten A-Klasse. Das ist die Klasse AKW’s, die im Verbrauch über einer bestimmten Menge Uran pro Jahr liegt. Als klar wurde, dass die Politik diese Klasse AKW’s schrittweise abschalten lassen würde, hat sich die beschissene Atomlobby hingesetzt und hat kleinere Meiler entwickelt, B- und C-Klasse, die nennen das Block-AKW’s, wenig Uran, wenig Gefahr, behaupten die jedenfalls, Gefährdungsradius maximal zweihundert Meter – alles ganz prima.“ Ich musste wieder einmal nach rechts schauen, denn eigentümlicher Weise hatte sich Becker während meiner Ansprache erstaunlich ruhig verhalten. Jetzt erst sah ich, dass Becker mit weit aufgerissenen Augen vor sich hin starrte. Wir rollten, rollten und rollten. Es muss kurz vor Ankunft an unserem Ziel gewesen sein, als Becker zu mir sagte: „Das lassen wir uns nicht gefallen, das nicht, Martin. Das werden die büßen. Martin, ich werde noch heute einen offenen Brief verfassen, den unser Landesverband an die Bundesregierung schreibt. Und allen Zeitungen bei uns und den überregionalen werde ich den auch zuschicken, bis hin zum SPIEGEL. Ja, Martin, so mache ich das – und danke, dass du mich so gut ins Bild gesetzt hast – Schweine, die elenden, elende Atomlobby…“ Ich legte meine rechte Hand auf Beckers linken Oberschenkel, nahm sie aber schnell wieder weg, damit Becker nichts, aber auch gar nichts falsch verstehen konnte. Dann waren wir am Ziel.

Und Becker hielt Wort: Becker schrieb. Drei Tage nach unserer Landesverbandssitzung irgendwo im Osten erhielt ich eine E-Mail mit Anhang von Becker. Der Anhang war der Entwurf des offenen Briefes. Ich las:

Mit der Chemnitzer Ringbuslinie auf Entdeckertour #Chemnitz #Nahverkehr — 5. Oktober 2019

Mit der Chemnitzer Ringbuslinie auf Entdeckertour #Chemnitz #Nahverkehr

Seit fast zwei Jahren gibt es im Chemnitzer Nahverkehr ein bis dato nicht vorhandenes Angebot: die Ringbuslinie. Laut Chemnitzer Verkehrs-Aktiengesellschaft (CVAG) dient diese sowohl im Uhrzeigersinn als auch gegenläufig im 20-Minuten-Takt verkehrende Linie dazu, zentrumsnahe Stadtteile besser miteinander zu verbinden. Der Vorteil bestehe vor allem auch darin, von Stadtteil zu Stadtteil zu gelangen, ohne dabei jedes Mal über die Zentralhaltestelle im Chemnitzer Zentrum fahren zu müssen.
Nun hat man im Frühjahr bei CVAG und der Wirtschaftsförderung unserer Stadt festgestellt, dass diese Linie offensichtlich auch touristisches Potential zu haben scheint. Dies wiederum hat man zum Anlass genommen, eine Faltkarte zu entwickeln, die die Ringbuslinie als Hop-on-Hop-off-Angebot vermarkten soll.
Soweit zur etwas sperrigen Vorrede, aber da ja die Nagelprobe jeder grauen Theorie bekanntlich die Praxis ist, starten wir den ultimativen Selbstversuch. Wir bedeutet in diesem Fall, dass mich Ines Venus-Rothermundt begleitet. Sie ist Mitglied im Verein der Gästeführer Chemnitz e. V., also durchaus „tourismusaffin“ und – in diesem Fall besonders von Vorteil – im Hauptberuf Mitarbeiterin der Marketingabteilung unseres Nahverkehrsbetriebes.
In Vorbereitung unserer Entdeckertour kaufen wir im Mobilitätszentrum der CVAG an der Zenti die schon benannte Faltkarte zum Preis von zwei Euro. Die Karte ist im Übrigen auch bei der Tourist-Information erhältlich. Auf unsere Frage, ob für die Nutzung der Ringbuslinie als Hop-on-Hop-off ein spezielles Ticket benötigt wird, erfahren wir von dem freundlichen Mitarbeiter im Service der CVAG, dass dies nicht der Fall sei. Er empfahl uns die Nutzung einer Tageskarte, die wir auch gerne beim Fahrer des Busses erwerben könnten. Die Karten kauften wir dann gleich im Mobilitätszentrum, denn wir wollten ja nun schnellstens unsere Tour beginnen. Auf die Frage, wo denn nun an der Zenti der Ringbus abfahre, musste mich Ines allerdings enttäuschen: „Der Ring berührt das direkte Stadtzentrum nicht.“ Ein Blick auf die Karte half schnell weiter. Auf der Vorderseite ist detailliert der Verlauf der Ringbuslinie dargestellt; mit Haltestellen, Sehenswürdigkeiten und weiteren wichtigen Punkten und auf der Rückseite findet man einen topografischen Plan des Gesamtnetzes mit allen Bahn- und Buslinien. Als den besten „Einstieg“ in die Linie definierten wir die Haltestelle Bahnhof Mitte/Niklasberg. Bis dorthin brachte uns eine Linie 4; Fahrzeit bis dahin weniger als fünf Minuten.
Es erweist sich als Vorteil, dass wir im Vorfeld keine konkrete Route für unsere Tour geplant hatten; das eröffnet uns die Möglichkeit, den erstbesten Bus zu nehmen, der kommt. Wir warten gerade mal sieben Minuten, dann kommt aus Richtung Annaberger Straße ein Bus – im Display oberhalb der Frontscheibe lese ich die Liniennummer 82A. Jetzt hilft mir Ines weiter: „Die 82 ist die Liniennummer, wobei man an der 2 erkennt, dass die Linie in jeder Richtung in der Hauptverkehrszeit aller 20 Minuten verkehrt.“ „Und das A?“, frage ich. Auch hierfür kennt sie die Antwort: „A fährt im Uhrzeigersinn, B logischerweise andersrum.“
Wir steigen ein, entwerten unseren Fahrschein und los kann die Stadtrundfahrt gehen. Vom Bahnhof Mitte geht es recht schnell über die Reichs- und Weststraße mitten hinein in das Zentrum des Kaßbergs. Kurz vor der Haltestelle Barbarossastraße drücken wir die Haltewunschtaste und steigen aus. Es gibt wenige (oder gegebenenfalls keine) Haltestellen im Netz des Chemnitzer Nahverkehrs, von denen aus eine Einladung für einen kleinen Stadtrundgang noch ergiebiger wäre. Allein die Fassaden der Majolikahäuser, der Gerhart-Hauptmann-Platz mit seinem Grün, die Cafés, Kneipen und urigen Geschäfte rund um West- und Barbarossastraße bieten mannigfaltige Möglichkeiten, sich umzutun, Neues zu erfahren, sich inspirieren oder einfach auch nur die Seele baumeln zu lassen. Da wir ja wissen, dass wir nach 20 Minuten weiterfahren können, planen wir genau, wie lange wir für unseren Bummel einplanen können. Beim nochmaligen Blick auf die Karte fällt uns ein, dass wir dem kommenden Bus aber auch einfach ein Stück vorauslaufen könnten. Also begeben wir uns bergab entlang der Barbarossastraße bis zur Haltestelle Henriettenstraße. Dort warten wir; plötzlich stößt mich meine Begleitung an und verweist auf das Display der Fahrgastinformation an der Haltestelle. „Betriebsbedingt kommt es heute auf der Linie 82 zwischen 13.00 Uhr und 17.00 Uhr zu Fahrtausfällen“ lesen wir in der träge durchlaufenden Laufschrift. „Was soll das denn“, frage ich. „Kommt nun unser Bus oder nicht?“ Meine Begleiterin zuckt mit den Schultern, denn welcher Bus nun konkret ausfallen könnte, ist mit dieser Mitteilung natürlich nicht zu erfahren. Aber ein weiterer Blick auf das Display sagt zeigt uns, dass der nächste Bus der Linie 82A in zwei Minuten kommen müsste; booaa und Glück gehabt. Und wenig später erkennen wir bereits von weitem in der Zielanzeige eines den Kaßberg abwärts fahrenden Busses die 82A.
Wir steigen ein, zeigen dem Fahrer unsere Tageskarte und weiter geht es in Richtung Schloßchemnitz. Unser nächster geplanter Halt ist an der Haltestelle Hechlerstraße. Wenn man sich die Zeit nimmt und bei schönem Wetter hier aussteigt, dann ist die Gefahr (oder die Versuchung) groß, erst zwei oder drei Busse später wieder auf der Ringbuslinie zu landen. Wir jedenfalls begeben uns in Richtung Küchwald, statten der Parkbahn einen kurzen Besuch ab, überlegen kurz, das Schloßbergmuseum zu besuchen (Besuch aufgeschoben, nicht aufgehoben) und begeben uns weiter in Richtung Schloßteichstraße. Im Schloßviertel können wir dann doch nicht widerstehen; in einem der Biergärten genießen wir eine flüssige Erfrischung. Von der Haltestelle Hechlerstraße aus hat man übrigens auch den idealen Zugang zum Schloßteich, fällt es mir mit Blick auf die Wasserfläche ein.
Als ich Ines darauf anspreche, wann wir denn weiterfahren könnten, zückt sie ihr Handy: Die mobile Website der CVAG zeigt an, dass der nächste Bus der Linie 82A ab Schloßviertel in vier Minuten zu erwarten sei. Da wir bereits bezahlt haben, ist das kein Problem.
Und weiter geht es in Richtung Sachsen-Allee; lustige Begebenheit am Rande: Wir steigen wieder in einen Bus, den wir geraume Zeit zuvor bereits benutzt hatten. Der Fahrer grüßt höflich und weiter geht es. Unseren nächsten Halt planen wir an der Haltestelle Humboldtstraße. Nachdem wir das CFC-Stadion linker Hand liegengelassen haben, erreichen wir auch schon die Mitte des nördlichen Sonnenbergs. Wir gehen ein kleines Stück zurück, um dem Lessingplatz einen Besuch abzustatten und begeben uns dann entlang der Markusstraße in südliche Richtung. „Wenn man selten hierher kommt, staunt man, wie gut sich dieses Gebiet entwickelt hat“, fällt mir spontan auf. Nicht lange danach landen wir an dem neu gestalteten Alberti-Park an, der sowohl zum Ausruhen aber auch zum Spielen für Kinder einlädt. Und da kommt auch schon unser nächster Ringbus mit der Nummer 82A, der uns weiter über Zieten- und Clausstraße in Richtung Süden bringt.
Wir sind nun schon geraume Zeit unterwegs. Ines Venus-Rothermundt freut sich, dass wir uns so Stück für Stück dem Campus Reichenhainer Straße der Universität genähert haben, denn sie hat in der Nähe noch zu tun. Also trennen sich hier unsere Wege; sie fährt noch bis zur Haltestelle TU Campus, ich steige an der Haltestelle Am Wartburghof aus und mache einen Bummel über den Städtischen Friedhof. Hier gibt es gefühlt Hunderte Möglichkeiten zu spazieren. Mein Weg führt mich bis zur gleichnamigen Haltestelle auf der Reichenhainer Straße, wo ich schon nach kurzem Warten wieder in den Ringbus steige und weiter über Werner-Seelenbinder-Straße und Fraunhofer Straße vorbei am Smart System Campus in Richtung Südbahnhof und dann weiter bis zur Haltestelle Gustav-Freytag-Straße fahre, an der ich mich vom Ringbus verabschiede, um mit der nächsten 5 bequem und in kurzer Zeit wieder mitten in der Stadt anzulangen.
Die Karte zusammenfaltend denke ich, wenn wieder einmal Bekannte zu uns kommen, die die Stadt nicht kennen, ist das gar keine schlechte Idee, die Ringbuslinie zur Stadtrundfahrt zu nutzen.

Das #Umland mit der #Stadt verbinden – in #Chemnitz gelungen! — 7. September 2019

Das #Umland mit der #Stadt verbinden – in #Chemnitz gelungen!

Das Chemnitzer Modell

Schienen verbinden eine Stadt mit der Region – zum Nutzen für beide Seiten; und natürlich die Fahrgäste
Regelspur – na und?
Das sogenannte Chemnitzer Modell stellt die Verbindung des innerstädtischen Straßenbahnnetzes mit dem regionalen Eisenbahnnetz dar; soweit die (zugegebenermaßen trockene) Definition. Um das Chemnitzer Modell zu verstehen, ist eine kurze Einführung in das Eisenbahningenieurwesen notwendig. Versprochen, dass wir diese kurz halten. Die Spurweite, also dass Maß, welches den Abstand zwischen den Innenseiten der Schienenköpfe angibt, wird wegen der Wölbung zwischen Schienenoberkante und Innenwange der Schiene in einer Höhe von 14 mm unter der Schienenoberkante gemessen. Bei der sogenannten Normalspur oder Regelspur beträgt dieses Maß genau 1.435 mm. Meyers Jugendlexikon „Eisenbahn“, herausgegeben im Transpress Verlag für Verkehrswesen in Berlin im Jahr 1979, verzeichnet unter dem Stichwort „Spurweite“ weiter: Die Normalspur „stellt die Grundlage für den freizügigen Austausch der Fahrzeuge verschiedener Bahnverwaltungen dar“. Und, so möchten wir anfügen, sie stellt auch die Grundlage für die Verknüpfung des regionalen Eisenbahnnetzes mit dem städtischen Straßenbahnnetz dar.
Nachdem in Chemnitz viele Jahrzehnte lang Straßenbahnen im Schmalspurbereich (mit unterschiedlichen Spurweiten unter einem Meter) verkehrten, beschoss der Stadtrat am Ende der fünfziger Jahre des nunmehr vor fast 20 Jahren zu Ende gegangenen Jahrhunderts, das Streckennetz der Chemnitzer Straßenbahn auf Regelspur umzustellen: ein folgenschwerer und (aus heutiger Sicht) visionärer Beschluss, dessen weitreichende Folgen den damaligen Stadträten (ohne ihnen zu nahe treten zu wollen) mit großer Sicherheit noch gar nicht aufgegangen sein dürften.
An dieser Stelle aber nun Schluss mit der Vorlesung zur Eisenbahningenieurskunst. Wir halten also fest: Beginnend mit den sechziger Jahren verkehrten die Straßenbahnen in Chemnitz in gleicher Spurweite wie die Eisenbahnen in der Region. Diese Gegebenheit ist nichts Außergewöhnliches. Ein Blick in den Tram Atlas Deutschland aus dem Berliner Robert Schwandl Verlag aus dem Jahr 2012 verrät, dass von den rund 70 deutschen Städten, in denen innerstädtische Schienenverkehrssysteme der Personenbeförderung dienen, ungefähr ein Drittel ihr Schienennetz in Regelspur ausgebildet haben. Dieser Umstand muss bereits irgendwann in den 1970er Jahren tief im Westen unserer damals noch geteilten Republik, in Karlsruhe, kluge Menschen zum Nachdenken angeregt haben. Warum, so lautete wahrscheinlich die Fragstellung, machen wir uns den Vorteil gleicher Spurweite bei Eisenbahn und Straßenbahn nicht zunutze und verbinden die Systeme, um sie – für den Fahrgast umsteigefrei – sowohl in der Stadt als auch im Umland bedienen zu können? Erstmals wurde aus dieser Idee Wirklichkeit, und das Netz der damaligen Bundesbahn wurde mit dem Netz der Karlsruher Straßenbahn verknüpft. Die Verbindung des Umlandes mit der Innenstadt über Schienenwege und damit das Karlsruher Modell war geboren. Heute verbinden die Karlsruher Stadtbahnen auf über 400 Streckenkilometern weite Teile Baden-Württembergs mit der Karlsruher Innenstadt. Weitere Städte wie Saarbrücken oder Kassel gingen ähnliche Wege.
Das muss doch auch in Chemnitz klappen!
In Chemnitz gab es erste diesbezügliche Überlegungen schon kurz nach der politischen Wende. Die Voraussetzungen schienen günstig: Die Stadt verfügt über ein regelspuriges Straßenbahnnetz mit verschiedenen räumlichen Anknüpfungspunkten an das regionale Eisenbahnnetz. Die mögliche Verknüpfungsstruktur ermöglicht es sogar, Linien durch die Stadt durchzubinden, also nicht nur ins Stadtzentrum verkehren zu lassen sondern zwei Äste einer Linie mit dem Stadtzentrum zu verbinden. Die Chemnitzer Verkehrs-AG (CVAG) hat sich damals dieser Idee angenommen und bis 1995 eine sogenannte Machbarkeitsstudie angefertigt. Das Ergebnis dieser Studie war eindeutig: Die Verknüpfung von Eisenbahngleisen mit der städtischen Straßenbahn in Chemnitz ist nicht nur möglich, sondern im Sinne der Verknüpfung von Stadt und Region auch nützlich. Damit konnten im übertragenen Sinn auch politisch die Weichen gestellt werden; das Chemnitzer Modell war geboren.
Zwischen Stollberg und Chemnitz steigt ein Pilotprojekt.
Mit der baulichen und betrieblichen Umsetzung einer sogenannten Pilotstrecke kam nun zur Theorie die Praxis als Nagelprobe hinzu. An dieser Stelle ist nochmals ein kleiner Exkurs in die Verkehrswissenschaft notwendig. Natürlich klingt es simpel: Fahrzeuge gleicher Spurweite verkehren im Eisenbahnnetz und im Straßenbahnnetz, wenn man die Gleise an intelligent ausgewählten Stellen verbindet. So einfach ist es allerdings leider nicht, denn die gleiche Spurweite ist nur eine wichtige Voraussetzung, eine Verknüpfung überhaupt herstellen zu können. Betrachtet man das Gesamtprojekt, wird seine Komplexität schnell sichtbar. Das beginnt damit, dass Eisenbahnbetrieb in der Region nach völlig anderen Regularien erfolgt als Straßenbahnbetrieb in der Stadt. Des Weiteren mussten unterschiedliche Trägerschaften der kommunalen Ebene mit der des Freistaates abgeglichen werden, Grundstückangelegenheiten en gros waren zu klären, Bauleistungen und Fahrzeuge mussten geplant, projektiert und ausgeschrieben werden und nicht zuletzt musste für alle Phasen die Finanzierung sichergestellt werden.
Aber am 14. Dezember 2002 war klar, dass sich der Aufwand gelohnt hatte, denn die Pilotstrecke des Chemnitzer Modells zwischen Chemnitz Hauptbahnhof und Stollberg konnte feierlich in Betrieb genommen werden. Vorangegangen war die Herstellung der Verknüpfungsstelle in Altchemnitz sowie die Elektrifizierung der Strecke nach Stollberg. Daneben musste an Haltestellen gebaut werden, Signalanlagen und Sicherungstechnik mussten installiert werden… Heute sind die roten Regio-Trams der City-Bahn Chemnitz GmbH, die die Strecke betreibt, aus dem Bild entlang der Strecke nicht mehr wegzudenken; und das mit gutem Erfolg. Gingen die anfänglichen Prognosen von 2.500 Fahrgästen pro Tag aus, kann nach mehr als 15 Jahren Betrieb eingeschätzt werden, dass die Fahrgastzahlen um mehr als das Doppelte übertroffen worden sind. Mit der erfolgreichen Inbetriebnahme der Pilotstrecke stand fest, dass es sich lohnen wird, das Projekt weiterzuentwickeln.
Jetzt geht’s an und in den Hauptbahnhof!
Einigkeit gab es unter den Beteiligten, dass als nächstes wichtigstes Projekt die Schaffung der Verknüpfung am Hauptbahnhof notwendig ist. Nur durch die Schaffung dieser Verknüpfung ist es möglich, die aus dem Norden auf Chemnitz zulaufenden Eisenbahnstrecken einzubinden. Im Gegensatz zur Strecke nach Stollberg ist das Bild hier uneinheitlich: Die Strecke nach Mittweida ist elektrifiziert, die Strecken nach Burgstädt und Hainichen haben keinen Fahrdraht. Die Lösung war die Beschaffung von innovativen Zweisystemfahrzeugen, die sowohl dieselelektrisch (im Eisenbahnnetz) als auch rein elektrisch (im Straßenbahnnetz) angetrieben werden können.
Parallel zur Fahrzeugbeschaffung wurde fleißig am Hauptbahnhof gearbeitet. Neben der Schaffung der Durchbindung der Gleise war es auch ein Ziel, das Bahnhofsgebäude aufzuwerten. Des Weiteren musste die Infrastruktur entlang der Strecke auch innerstädtisch ertüchtigt werden, Haltestellen mussten barrierefrei ausgebaut werden, moderne Informationssysteme wurden installiert… Ab 15. Februar 2013 konnten nach Fertigstellung der Einfahrt in den Hauptbahnhof vorerst die Straßenbahnlinien der CVAG, die den Hauptbahnhof bedienen, sowie die City-Bahn von und nach Stollberg, nicht nur am Hauptbahnhof vorbei sondern durch diesen hindurch fahren. Schließlich und endlich, am 10. Oktober 2016, fuhren die Linien aus Burgstädt, Mittweida und Hainichen nicht mehr nur zum Hauptbahnhof sondern bis in das Zentrum der Stadt. Ein weiterer Meilenstein des Chemnitzer Modells war erreicht.
Schienen auf der Reichenhainer – eine Allee wird zum Zankapfel!
Um die Linien – wie bereits ausgeführt – neben Altchemnitz in Richtung Süden nach Thalheim oder Aue durchzubinden, wird eine weitere südlich des Zentrums gelegene Verknüpfungsstelle benötigt. Diese bietet sich im Bereich des Chemnitzer Südbahnhofs an. Gleichzeitig war es Zielstellung, den Studierenden unserer Universität eine durchgehende Schienenverbindung zwischen Campus und Straße der Nationen sowie neuer Universitätsbibliothek am Schillerplatz zu bieten. Die Lösung, die die Planer sich ausdachten, war eine zweigleisige Neubautrasse, die von der Bernsdorfer Straße über die Turnstraße, den Stadlerplatz und die Reichenhainer Straße bis zum Technopark führte. Aber diese Lösung barg Sprengstoff, denn sie war damit verbunden, auf der Reichenhainer Straße 200 Platanen zu fällen. Bereits seit 2012, also parallel zu den Baumaßnahmen am Hauptbahnhof, konzentrierten sich die Projektträger auf die Weiterentwicklung dieser Achse. Der notwendige Planfeststellungsbeschluss lag dann Ende 2015 vor und Anfang 2016 war Baubeginn. Bereits am 2. Mai 2017 konnte auf dem ersten Teilstück bis zum Stadlerplatz der Verkehr aufgenommen werden und seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2017 wird die Strecke bis zum Technopark sowohl durch die Fahrzeuge der Chemnitz-Bahn (diesen einheitlichen Produktnamen tragen die Linien des Chemnitzer Modells seit 2016) als auch die Straßenbahnlinie 3 der CVAG bedient. Im Übrigen: Den 200 gefällten Platanen stehen 360 neu gepflanzte Bäume gegenüber.
Auf nach Aue!
Kürzlich gab es wieder einmal gute Nachrichten zum Chemnitzer Modell: Das Eisenbahnbundesamt hatte den Planfeststellungsbeschluss für den Ausbau der Strecke nach Aue gefasst. Das heißt, dass in diesem und dem nächsten Jahr die Verknüpfungsstelle zwischen Reichenhain und dem Technopark gebaut wird und die gesamte Strecke bis Aue ertüchtigt wird. Ende 2020, so hofft man beim Verkehrsverbund Mittelsachsen, wird man dann auch im Zwönitztal die rot-grün-weiß gespritzten Citylink-Fahrzeuge des Chemnitzer Modells sehen. Bis dahin aber gibt es noch eine Menge zu tun, denn die vorhandene Eisenbahnstrecke und deren Zugangsstellen genügen keineswegs den Anforderungen an einen modernen Schienenverkehr. Insbesondere wegen des dichten Habstundentaktes bis Zwönitz macht sich auf einer eingleisigen Strecke der Bau oder Ausbau weiterer Kreuzungsbahnhöfe notwendig und auch die im Verlaufe der Strecke vorhandenen Brücken sind dringend sanierungsbedürftig.
Und dann ist Schluss? – oder welche Rolle die Kultur beim Chemnitzer Modell spielt.
Keineswegs stellt aber die Weiterentwicklung des Chemnitzer Modells bis nach Aue den Abschluss für das Gesamtprojekt dar. So gibt es konkrete Überlegungen, die Strecke von Stollberg aus bis nach Oelsnitz zu verlängern. Auch nach von Chemnitz aus Nordwesten – nämlich nach Limbach-Oberfrohna – soll eines Tages Schienenverkehr durchgeführt werden. Für diese Projektstufe sind die umfangreichsten Neubaumaßnahmen an Schieneninfrastruktur notwendig, denn insgesamt muss auf einer Länge von 16 km Gleis verlegt werden. Für die Stadt Chemnitz hat die Weiterentwicklung dieser Projektstufe den Charme, endlich auf der Leipziger Straße wieder eine Straßenbahn einsetzen zu können. Und auch aus Richtung Annaberg-Buchholz und Olbernhau über Flöha und in der Stadt über die Sachsen-Allee soll das Chemnitzer Modell perspektivisch weiterentwickelt werden.
Natürlich ist solch ein Projekt zu allererst ein Verkehrsprojekt, aber welche Wirkung es auch in eine Richtung entfaltet, die man auf den ersten Blick gar nicht auf dem Schirm hat, sei an folgendem Beispiel demonstriert. Ende 2018 nämlich trafen sich die Bürgermeister der Städte und Gemeinden, die an Strecken des Chemnitzer Modells gelegen sind, um gemeinsam im Zuge der Bewerbung von Chemnitz als Europäische Kulturhauptstadt 2025 die Kulturregion ins Leben zu rufen – ein beredtes Beispiel für die nachhaltige Wirkung eines solch großen Verkehrsprojektes.
Noch einmal kurz zurück zur Regelspur.
Ganz zu Anfang des Beitrags hatten wir abgehandelt, dass ein regelspuriges Stadtbahnnetz zwar nicht die einzige, aber die wichtigste Voraussetzung für die Verknüpfung von Straßenbahn- und Eisenbahngleisen ist. Regelspur bedeutet eine Spurweite von 1.435 mm. In Dresden übrigens verkehrt die Straßenbahn auf Gleisen mit einer Spurweite von 1.450 mm und in Leipzig von 1.458 mm. Tja, da kommt man nicht umhin zu sagen: Da hat Chemnitz eindeutig die Nase vorn.

Die #Landesgartenschau in #Frankenberg ist auch mit #Bus und #Bahn erreichbar – ehrlich! — 21. Juli 2019

Die #Landesgartenschau in #Frankenberg ist auch mit #Bus und #Bahn erreichbar – ehrlich!

Viele Wege führen nach Rom und viele Wege nach Frankenberg zur Landesgartenschau und auf einigen verkehren öffentliche Verkehrsmittel, mit denen man die Gartenschau bequem und komfortabel – so preist es jedenfalls die Werbung an – erreichen kann.
Unser Selbstversuch startet an einem Samstagvormittag, das Wetter ist eher trübe aber es regnet nicht. Für die Hinfahrt haben wir uns für die Omnibuslinie 640 entschieden, die Chemnitz mit Hainichen verbindet und von dem Regionalverkehrsunternehmen Regiobus Mittelsachsen GmbH betrieben wird. Abfahrt ab Haltestelle Stadthalle, also mitten in Chemnitz, ist 11.00 Uhr. Pünktlich rollt das Fahrzeug an die Haltestelle. Wir stellen als erstes fest, dass sich Regiobus an Samstagen eines Subunternehmers zu bedienen scheint, was uns aber nicht stört. Bei dem freundlichen Busfahrer erwerben wir unseren Fahrschein; Achtung, die erste Hürde besteht darin, einigermaßen die Tarifzonen zu kennen. Aber unser Busfahrer kennt sich aus und verkauft uns eine Tageskarte für die Zonen 13 und 8 zum Preis von 7,40 Euro pro Person; weitere Mitfahrer in der Gruppe kommen günstiger. Den Fahrschein, der im Bus gelöst bereits entwertet ist, werden wir im Übrigen an der Tageskasse der Gartenschau vorweisen und damit zwei Euro Rabatt für die Eintrittskarte erhalten.
Im Bus befinden sich während unserer Fahrt nach Frankenberg maximal zwölf Menschen (den Fahrer bereits mit eingerechnet). Mit vier Damen gemeinsam steige ich nach einer Fahrzeit von geringfügig über einer halben Stunde an der Haltestelle Frankenberg Barkaswerke, die direkt am Haupteingang der Gartenschau liegt, aus. Die Linie verkehrt im Übrigen über Lichtenwalde, wer sich also schnell noch umentscheiden sollte und plötzlich doch keine Lust auf Gartenschau hat, kann sich dort verlustieren.
Wenn man den Weg über das Gartenschau-Gelände so wählt, dass man seinen Rundgang am Haupteingang beginnt, dann über die „Schlange“, eine Brücke über die B 169 und einen kurzen Fußweg durch die Stadt fortsetzt, kommt man in den Gartenschau-Bereich Mühlbachtal.
Nun muss natürlich jeder für sich selbst festmachen, wie lange er wo bleiben will. Wir jedenfalls haben geplant, die Rückfahrt mit einer der modernen Chemnitz-Bahnen des Chemnitzer Modells, die durch die City-Bahn Chemnitz GmbH betrieben werden, anzutreten.
Die Züge in Richtung Chemnitz fahren immer ab Frankenberg Bahnhof zur Minute 53. Sehr günstig zu erreichen ist der Bahnhof in Frankenberg, wenn man ungefähr in der Mitte des Geländes Mühlbachtal einen über eine Treppe führenden Ausgang zur Freiberger Straße nimmt. Aber Vorsicht, an der Stelle kann man das Gartenschau-Gelände nicht wieder betreten, da es nur ein Ausgang (Drehkreuz) ist.
Von diesem Ausgang gelangt man über Freiberger und Bahnhofstraße in sieben bis zehn Minuten (auch abhängig von der Kondition, da der Weg ständig leicht ansteigend ist) zum Bahnhof. Pünktlich rollt auch die Chemnitz-Bahn ein und fährt über Niederwiesa, Hauptbahnhof Chemnitz und Zentralhaltestelle weiter zum Technopark. Bis zum Hauptbahnhof in Chemnitz beträgt die Fahrzeit etwas über 20 Minuten und bis zur Zentralhaltestelle ungefähr eine halbe Stunde.
Weitere gute Möglichkeiten stellt die Anbindung der Gartenschau über die Züge der Mitteldeutschen Regiobahn mit Halt in Flöha dar. Von dort verkehrt an Wochenenden und Feiertagen die Buslinie 703 im Stundentakt zwischen Flöha und Frankenberg. In der Stadt Frankenberg gibt es außerdem einen kostenlosen Busshuttle, der die Gartenschau-Gelände und den Bahnhof verbindet.
Unser Fazit: Die Landesgartenschau im sächsischen Frankenberg ist auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln mit vertretbarem Zeitaufwand zu erreichen. Es empfiehlt sich jedoch, bei der Reiseplanung bereits im Vorfeld den Fahrplan als auch Ticketpreise und Tarifzonenstruktur zu studieren.

Vom Wert der #Philosophie — 18. Mai 2019

Vom Wert der #Philosophie

Erste, wenn auch zaghafte, Zugänge zu philosophischen Problemen “ereilten“ mich schon im Elternhaus, denn sowohl meine Mutter als auch mein Vater waren Hochschullehrer in geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen, so dass es nicht ausbleiben konnte, dass wir Kinder nicht auch zu Hause den einen oder anderen Gesprächsfetzen aufschnappten, der sich durchaus auch um Lehrmeinungen philosophischer Natur drehte. (Man stelle sich bitte trotzdem nicht vor, dass Kant, Hegel und Fichte regelmäßig mit bei uns am Frühstückstisch saßen!) Aus diesen frühen Jugendtagen stammt im Übrigen mein bisher nicht versiegtes Interesse an den grundlegenden Kategorien Zeit und Raum, die einerseits so banal erscheinen aber bei näherem Hinschauen so komplexe Fragen aufwerfen, dass sie ihr eigentliches Wesen scheinbar in einen dichten und undurchdringlichen Nebel hüllen.
Das Interesse an Philosophie hat mich nicht mehr verlassen und in den vergangenen fünf Jahren hat es sogar merklich zugenommen. Seither suche ich ganz bewusst auch nach philosophischer Fachliteratur oder Büchern, die zwar formal der Belletristik zuzuordnen sind, deren Inhalt aber unzweifelhaft einen nicht zu verleugnenden philosophischen Tenor hat; ich denke hier zum Beispiel an die Werke von Albert Camus.
Kürzlich bin ich wieder in ganz besonderer Weise fündig geworden. Bertrand Russel (englischer Philosoph, 1872 bis 1970), hat 1912 das Buch „Probleme der Philosophie“, heute aufgelegt in einem unscheinbar wirkenden Bändchen mit nicht mehr als 150 Seiten Inhalt, veröffentlicht. Der Inhalt dreht sich insbesondere um Fragen der Vereinbarung von unmittelbar wirkenden Sinneseindrücken mit dem Weltbild der Physik (können wir auch das eigentliche Wesen eines Tisches, den wir mit unseren Sinnen erfassen, erkennen?) Der Text hat den riesigen Vorteil, dass er in einer leicht verständlichen und nicht verquasten Sprache abgefasst ist, die es auch dem Laien ermöglicht, den Gedankengängen, die zur Entstehung desselben geführt haben, zu folgen. In wenigen Tagen hatte ich die Kapitel 1 bis 14 ausgelesen. Kapitel 15 trägt den Titel „Vom Wert der Philosophie“ und stellt – ohne so benannt zu sein – gleichsam sowohl ein Nachwort als auch ein grundlegendes Plädoyer für jedwede Befassung mit Philosophie dar. Ich gebe unumwunden zu, dass es für mich ein Genuss war, dieses Kapitel zu lesen. Endlich hatte ich erfahren, warum die Befassung mit Fragen der Philosophie so viel Spaß macht.
Es gibt keinen besseren Beleg, als das Ende des Buches zu zitieren: „Fassen wir unsere Betrachtungen über den Wert der Philosophie zusammen: man soll sich mit der Philosophie nicht so sehr wegen irgendwelcher bestimmter Antworten auf ihre Fragen beschäftigen – denn in der Regel kann man diese bestimmten Antworten nicht als wahr erkennen. Man soll sich um der Fragen selber willen mit ihr beschäftigen, weil sie unsere Vorstellung von dem, was möglich ist, verbessern, unsere intellektuelle Phantasie bereichern und die dogmatische Sicherheit vermindern, die den Geist gegen alle Spekulationen verschließt. Vor allem aber werden wir durch die Größe der Welt, die die Philosophie betrachtet, selber zu etwas Größerem gemacht und zu jener Einheit mit der Welt fähig, die das größte Gut ist, das man in ihr finden kann.“ (Russel, Bertrand, Probleme der Philosophie, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1967, Seite 142)

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